
FESTVORTRAG
der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Frau Dr. Hanna-Renate Laurien zum 75-jährigen Jubiläum der Liebfrauenschule Bonn am 13. November 1992
GYMNASIUM IN CHRISTLICHER TRÄGERSCHAFT - ASPEKTE EINER PÄDAGOGISCHEN ALTERNATIVE
Fragen wir nach den Motiven, die Mütter und Väter veranlassen, ihr Kind in einer Schule in freier Trägerschaft, in einer katholischen Schule anzumelden, so steckt dahinter in den seltensten Fällen ein Glaubenszeugnis, die Forderung und Erwartung, Sohn oder Tochter sollten gesprächsfähige, bekenntnisbereite Christen werden, vielmehr ist es einmal die Freude am Wahrnehmen einer Wahlmöglichkeit, die Konkretisierung von Freiheit, und zum anderen erwarten die Eltern vor allem eine pädagogische Atmosphäre, eine besondere Bereitschaft der Lehrerinnen und Lehrer, sich den Schülerinnen und Schülern zuzuwenden. Doch um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Schule in freier Trägerschaft ist kein "Antisystem" zur öffentlichen Schule. Weder müssen die öffentlichen Schulen in Sachen pädagogischen Engagements den Vergleich scheuen noch gewinnen die Schulen in freier Trägerschaft ihr Selbstverständnis etwa aus der Funktion von Lazarettwagen, die die Opfer des öffentlichen Schulwesens aufsammeln. Freie und öffentliche Schulen müssen sich dem Anspruch des Erzieherischen stellen. Beide trifft die Frage, ob die von Carl Friedrich von Weizsäcker in unserer Angebotsgesellschaft eingeforderte Erziehung zur Selbstbeherrschung in ihrer Bedeutung erkannt oder einer Verwechslung von Freiheit mit Beliebigkeit geopfert worden ist.
Zuwendung zum Kind wird erwartet, individuelle Förderung im Höchstmaß eingefordert. Hier steckt im Bezug zur Gesellschaft ein Auftrag, der aus christlicher Verantwortung wächst. Wer auch immer die heutige Gesellschaft beschreibt, kennzeichnet sie als eine Gesellschaft des fast totalen Individualismus. Selbstverwirklichung ist ein Leit- und Schlagwort, mit dem nicht selten das Ich von den Beziehungen zum Du, zum Wir gelöst wird. Das Schlagwort "Solidarität" findet sich zwar in Reden, Artikeln, Podiumsdiskussionen, doch wenn es um den Einsatz in der Dritten Welt, um die Rücksicht im Straßenverkehr, um die Bereitschaft zum Teilen mit denen geht, die über vier Jahrzehnte auf der anderen Seite der Mauer leben mussten, entpuppt sich das Schlagwort als Hülse, wird es als Fernstenliebe, recht selten als Nächstenliebe verstanden. Es ist die Botschaft des Christentums, dem Einzelnen die volle Personalität zuzusprechen, die Gleichrangigkeit der Geschöpfe - Grieche oder Jude, Sklave oder Freier, Mann oder Frau - zu vertreten, aber die Qualität seiner Personalität an seiner Beziehung zum Bruder, zur Schwester zu messen, zu fragen, wann der Dürstende getränkt, der Hungernde gespeist, der Trauernde getröstet wurde. Es lohnt zu verdeutlichen, dass unser Gott kein monolithischer Fels ist, vielmehr in der Beziehung von Vater, Sohn und Heiligem Geist existiert. Die dialogische Existenz, von uns als Einzelnen wie als Gemeinschaft, in der Gemeinde wie in der so bezeichneten Amtskirche zu leben, ist Kennzeichen christlichen Lebens. Dies Signal der DU- Beziehung, der Wir- Verantwortung kann und muss aus christlichen Schulen gegeben werden, und es ist Hilfe und Zeichen auch für diejenigen, die sich nicht Christen nennen wollen oder können.
In solchem Zusammenhang gewinnt Schule als Lernfeld des Zusammenlebens Bedeutung. Das Wie des Miteinander, das durchaus das Aushalten von Gegensätzen, von Misslichkeiten einschließt, kann und muss auch den Schülerinnen und Schülern bewusst gemacht werden.
Auch die Beziehung zum sozialen Umfeld der Schule darf nicht ausgelassen werden. Sollen junge Menschen das Gemeinwesen, in dem sie leben, als ihrer Verantwortung übergeben verstehen, so müssen sie Handlungsperspektiven erkennen, Möglichkeiten und Grenzen von Veränderungswillen zumindest beobachten können. Der Umfeldbezug darf nicht der Zufälligkeit ausgeliefert werden, er muss mit systematischem Lernen verbunden werden, wie es z.B. die Montessori- Pädagogik vielfach tut. Soweit ich den katholischen Bereich überschaue, hat die Bodenseeschule St. Martin in Friedrichshafen, die den "Marchtaler Plan" der Diözese Rottenburg verwirklicht, sowohl den Ansatz, die Zusammenhanglosigkeit der Fächer zu durchbrechen, wie auch die Verbindung von Reflexion und Handlung aufgenommen. Dort versucht man, Aussagen der christlichen Anthropologie in pädagogisches Handeln umzusetzen. Man macht ernst mit der personalen Würde des Kindes, seiner Freiheit und seiner leib-seelischen Ganzheit. Das heißt konkret, Unterricht zu vernetzen, nicht das "Inselwissen" zu vermitteln, das viele einsichtige Pädagogen beklagen und das nach meiner Überzeugung das Kernübel unserer Schule von heute ist, vielmehr fächerverbindendes und fächerübergreifendes Lernen und Lehren zu verwirklichen. Das Vernetzen verlangt im allgemeinen projektorientiertes Vorgehen des Lehrers, Abschied von der 45- Minuten- Stunde. In dieser Pädagogik spielt die Freie Stillarbeit eine große Rolle, in der die Schüler Selbstständigkeit einüben, das Arbeitsthema frei wählen, sich Arbeit und Zeit frei einteilen und auch relativ frei einen Partner wählen können. Ich will nicht weitere Einzelheiten schildern, aber feststellen: wenn ich von christlicher Anthropologie ausgehe, dürfte eben nicht die entscheidende Aussage einer Schule in freier, christlicher Trägerschaft sein, dass sie den Strukturen der öffentlichen Schulen entspricht. Der Freiraum kann und müsste genutzt werden, der ein deutlicheres Profil erkennen lässt. Fernseherfahrung ist Sekundärerfahrung. Primärerfahrungen, die Personalität stärken, nicht das isolierende Ich, müssen bewusst eingesetzt werden. Nicht die Zufälligkeit liebenswürdiger und wichtiger Arbeitsgemeinschaften reicht aus, vielmehr ist eine Systematisierung und ein Bewusstmachen des Ansatzes nötig.
Übrigens: wenn denn fast immer zuerst die Fragen nach Belastung der Lehrer, Pflichtstundenrahmen und überhaupt nach Stellen auftaucht, dann frage ich mich - allerdings nicht nur im Schulbereich - warum gut dotierte und gesunde Pensionäre nicht ehrenamtlichen Einsatz leisten können, warum nicht auch die Fähigkeit junger Menschen, selber etwas leisten zu können, angesprochen wird. Ich habe erlebt, dass die Arbeitsgemeinschaft Grundkurs Informatik von Schülern genauso gut, wenn nicht besser als von Lehrern geleitet werden konnte. Ich habe erlebt, dass die ausländische Schülerin in ihrer Herkunftssprache ihren Mitschülern Kenntnisse der Landeskunde vermittelte, die sich sehen und hören lassen konnten. Ausbeutung nicht bezahlter Arbeitskräfte? Getrost sichtbares Zeichen einer Abkehr von bloß individualistischem Egoismus.
Pluralität ist nicht Beliebigkeit
Zur Wirklichkeit unserer Gesellschaft gehört die Vielzahl der Angebote, sei es in Waren, Lebensstilen oder Weltanschauungen. "Der Zwang zur Häresie", und das heißt, der Zwang zur unterscheidenden Wahl, so überschrieb Peter L. Berger vor Jahren sein wegweisendes Buch. "Gebildet ist", so konnten wir bei Hebbel lesen, "jeder, der da hat, was er für seinen Lebenskreis braucht." Das heißt für uns: wählen lernen, Maßstäbe für die wählende Entscheidung gewinnen und die Entscheidung dementsprechend vollziehen. Nehmen wir alles, essen wir alles, so sind wir, wie Volker Braun einmal formuliert hat, übersatt, aber nicht frei.
Christliche Schule hat in diesem Zusammenhang eine einmalige Chance. Die Menschen heute leben nicht mehr in geschlossenen Überzeugungsgruppen, und auch die verschiedenen Lebensbereiche, etwa Kultur, Politik, Wirtschaft, Sport, Beruf Schule werden als autonome Sinnprovinzen mit jeweils eigenen Zuständigkeiten und eigenem Wertgefüge verstanden und gelebt. Auch Religion ist ein solches Segment, oft ins Private verwiesen, nicht selten als Nische verstanden, in der man sich vor anderen Ansprüchen abschotten kann. Glauben gehört nicht mehr zum elementaren Lebenswissen. Hier kann, darf und muss eine Schule in christlicher, in katholischer Trägerschaft Position beziehen, indem sie die bewegenden Fragen, die sich in unserer Welt stellen, aufgreift und "im Licht des Glaubens" betrachtet und diskutiert. Das ist nicht Ghetto, sondern Aufnehmen der Zeichen der Zeit, das ist auch kein festgeschnürtes Paket vermeintlich katholischer Antworten. Das vermittelt vielmehr die Erfahrung, die schon in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute, Gaudium et spes, beschworen wird: Christen, die sich mit gleicher Gewissenhaftigkeit einer Frage stellen, können zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen und müssen lernen, dass sie nicht berechtigt sind, nur für ihre Meinung die Berufung auf Christentum und Kirche einzubringen. Das gilt bei Fragen der Ausländerpolitik, der Entwicklungshilfe, der Sicherung von Freiheit und Frieden, in der Stadtgestaltung und bei den Instrumenten der Sozialpolitik, um nur einige Beispiele zu nennen. Gemeinsamkeit des Zieles schließt Unterschiedlichkeit der Wege keineswegs aus, und indem auch die Meinungen von Nichtchristen einbezogen werden, kann auch die Einsicht gewonnen werden, dass gemeinsames Handeln trotz unterschiedlicher Begründungen möglich ist. Auf dem Fundament des Christentums kann so Nachdenklichkeit vertieft, Diskussion bereichert und vor allem erfahren werden, dass Pluralismus Standpunkte voraussetzt.
Standpunkte, die begründet und vertreten werden müssen und die nicht nur die Achtung vor anderen, vielmehr die Unerlässlichkeit unterschiedlicher Standpunkte voraussetzen. Pluralismus ist nicht etwa ein Übel, sondern Konsequenz der menschlichen Freiheit. Sie verwirklicht sich aber nur in unterscheidendem Wählen, nicht in wahllosem Konsumieren, in Beliebigkeit. Das gilt übrigens auch im innerkirchlichen, im theologischen und religiösen Bereich. Konformismus ist nicht Glaubensstärke, und nicht das Aussprechen eines Lehrsatzes, vielmehr das Leben einer Überzeugung trägt. In der Gesellschaft von morgen darf das Argument nicht durch Emotion oder Gleichgültigkeit, das Gespräch nicht durch das Kommunikationsnetz ersetzt werden, müssen die fragwürdigen Orgien des moralisierenden Verurteilens, zu dem es bestürzende Beispiele gab und gibt, durch argumentative Auseinandersetzung, durch Urteilsfähigkeit abgelöst werden. Gerade angesichts einer medienvermittelten Welt, einer medienvermittelten Politik, muss den jungen Menschen durch Bildung eine Verblüffungsresistenz, aber auch die Einsicht vermittelt werden, dass nicht zuerst nach den Zustimmungsprozenten der Meinungsumfrage, sondern nach der Sachlichkeit der Entscheidung zu fragen ist, muss ihnen vermittelt werden, was offenbar den frühen Christen selbstverständlicher war als uns, dass eine Überzeugung haben auch Zeugnis geben heißen kann. Gerade aber im Umgang mit den Menschen anderer Meinung muss und kann deutlich gemacht werden, dass es um das Vertreten einer Sache, nicht um das Diffamieren eines Gegenüber geht. Die ersten Christen, die sich noch nicht so nannten, fielen nach dem Zeugnis des Paulus, der da noch ein gegen diese Leute wütender Saulus war, nicht durch ihre Kenntnisse, ihre Lehre auf, was überzeugte, war ihr Lebensstil, den sie im Umgang mit dem Nächsten, dem Armen, aber auch im Umgang miteinander trotz harter Sachdebatten belegten. Stand an dieser Stelle der Apostelgeschichte früher, Saulus verlangte Briefe gegen die Leute von der neuen Lehre, so steht, sorgfältiger Textforschung folgend, heute da, dass es um die Leute vom neuen Weg ging. Leben, nicht Lehre, gab das Zeichen.
Freiheitlichkeit und Überzeugungskraft hat Dietmar Mieth in einer auch für die pädagogische Praxis geeigneten Formel verbunden, als er eine "offene Reihe von Haltungsbildern im Sinne ethischer Modelle" darzustellen empfahl. Die Vielfalt der Antworten bezeugt menschliche Freiheit. Die Bindung des Einzelnen an seinen Antwortentwurf belegt ethische, gewissensmäßige Verantwortung.
Das neue Verständnis von Arbeit
Wo immer wir uns heute mit Fragen der Wirtschaft, des Arbeitsmarktes, übrigens auch der Familienpolitik beschäftigen, wird betont, dass Arbeit nicht nur als Erwerbsarbeit zu definieren ist, dass Erziehungsarbeit, Pflegearbeit, kulturelles Wirken einzubeziehen sind. Immer wieder wird hervorgehoben, dass das Ausmaß der verfügbaren Zeit zugenommen hat und zunehmen wird und dass die Menschen auf den Umgang mit der verfügbaren Zeit nicht hinreichend vorbereitet sind. Wird sie zur reinen Konsumzeit, werden Möglichkeiten des Menschen verkürzt. Sie muss - neben reiner, schlendernder Muße - eine Zeit sein können, in der der Mensch sich selbst, dem Nachbarn, der Natur, der Kunst begegnen kann, Zeit der Selbsterfahrung, Zeit gelebter Nachbarschaft, erfüllter Weltbegegnung. Jahrhunderte lang gingen Muße und Macht zusammen, war Muße das Privileg der Oberschichten. Heute ist die Chance, "die Welt als Ganzes in den Blick zu nehmen und hierin sich selber zu verwirklichen " (Josef Pieper) demokratisiert, doch kann diese Chance nur wahrgenommen werden, wenn die Menschen dazu befähigt werden. Ist dies nicht auch eine neue Chance, religiöse Erfahrungen zu erschließen? Der Weg zu New Age muss uns aufmerksam machen. Man sucht Sinndeutung, Weltzusammenhänge, aber auch persönliche Konsequenz. Bischof Hemmerle hat einmal bemerkt, man suche einen "Schwinge- Gott". Hier kann die Vermittlung des dialogischen trinitarischen Gottes neue, andere Wege erschließen. Und je weniger, wie schon einmal festgestellt, Glaube Teil der Lebenswirklichkeit ist, also auch in den Fächern der öffentlichen Schulen immer weniger ahnbar wird, um so dringlicher kann es werden, die christliche Wirklichkeit als Dienst an der Gemeinschaft, der Gesellschaft einzubringen.
Die Begegnung mit Literatur, Kunst und Musik führt unausweisbar in die Erfahrung von Offenheit. "Wenn wir Dichtung, Musik, Kunst Einlass in unser Dasein gewähren..., blicken wir auf die nackte Gegenwart... der Freiheit selbst", sagt George Steiner (Von realer Gegenwart, S. 218). Und er stellt fest: "Mit keiner theoretischen oder experimentellen Verfahrensweise können wir für unseren Eintritt ins Dasein oder unseren Tod analytischer Beweisführung gegenüber Rechenschaft ablegen. Diese Unmöglichkeit der Rechenschaft ist die Essenz der Freiheit." Wir können ergänzen: sie ist auch die Essenz des Glaubens. Solche Zugänge wenigstens ahnen zu lassen, kann aus dem Umgang mit Kunst, kann aus der neuen Erfahrung mit verfügbarer Zeit erwachsen. Nicht Adam Smith, sondern Christen haben vor Jahrhunderten das antike Verständnis, nach dem Arbeit dem Sklaven, aber nicht dem Herrn zugewiesen wurde, revolutionär verwandelt. Arbeit wurde zum Gestaltungsauftrag Gottes - so schon in der Schöpfungsgeschichte des Alten Testamentes begründet - und wurde von schichtenspezifischer Zuweisung befreit. Den benediktinischen Grundgedanken der Verbindung von Arbeit und Gebet, - übrigens kommt das oft zitierte ora et labora in der Benediktinerregel nicht vor - diesen Grundgedanken verwirklichten in letzter Konsequenz die Zisterzienser, Bernhard von Clairvaux, indem nicht mehr dem Chorherren das Gebet und dem Bruder das Schwitzen beim Roden im Walde zugewiesen wurde, sondern Roden und Beten für beide Gottesdienst wurde. Eine ähnlich revolutionäre Veränderung im Verständnis von Arbeit und wohl damit verbunden auch von Freiheit, steht, wie schon erwähnt, vor uns.
Vollbeschäftigung erwarten wir nicht von der Gesellschaft der Zukunft, und die Definition seines Lebens wird der Einzelne nicht mehr vorrangig aus dem Erwerbsleben, der messbaren Pflichterfüllung im Alltag gewinnen können.
Nehmen wir dazu noch die Tatsache, dass Information und Unterhaltung heute in erheblichem Maß über Bilder, weniger über Worte vermittelt werden, wobei wir wissen müssen, dass Worte auf Verstand und Verstehen, Bilder auf Emotionen abzielen, dass Worte Begriffe, Bilder aber Dinge zeigen. Aus der kontemplativen Tradition unserer Kirche könnte wohl ein neuer Zugang zur verfügbaren Zeit und zu den Formen der Wissensvermittlung gewonnen werden (s.Marchtalplan!), Unterricht und Schulleben, die soziale Verantwortung einbeziehen, aber nicht in Aktionismus geraten, die Raum und Zeit, beides wörtlich genommen, für Betrachten und Reflexion geben, verbinden zwei Fähigkeiten, die nur bei oberflächlicher Betrachtung als widersprüchlich erscheinen mögen. Da geht es einmal um die mehrfach erwähnte Fähigkeit, unterschiedliche Meinungen und Überzeugungen auszuhalten und sie fördernd zu akzeptieren, mit dem anderen ein Gespräch, nicht etwa nur einen Streit führen zu können, und da geht es zum anderen um die so oft falsch verstandene Forderung der Einsamkeitsfähigkeit. Gerade in unserer die Entscheidung einfordernden Zeit muss jeder lernen, auch einem Trend widerstehen zu können, nicht die Gruppe zu suchen, um dem eigenen Ich zu entkommen. Recht verstandene Einsamkeitsfähigkeit ist die Voraussetzung für Miteinander, DU- und WIR- Verantwortung. Das spannt den Bogen für die christlich verantwortliche Schule der Zukunft weit und tragfähig: Wissen soll zu Haltung und Meinung, Einsicht zu Handlungsbereitschaft und Handlungsfähigkeit- führen, Personalität sich in der Begegnung mit Mensch und Welt erfüllen und aus der Dimension der Transzendenz, mehr noch aus der Begegnung mit dem trinitarischen Gott - Maßstab gewinnen.
Ein nachdenklicher Nachtrag
In all dem bisher Gesagten wurde stets auf das Gelingen des Bemühens vertraut. Lassen Sie mich ein paar kurze, zugleich zugespitzte wie hoffentlich tröstende Bemerkungen machen. Jesus verkündet nicht die Herrschaft der Erfolgreichen. Er ist der Freund der Geschundenen. Wenn wir bitten: "Deinen Tod, o Herr, verkünden wir..." verkünden wir ein Scheitern, ein Scheitern an der Möglichkeit des Menschen, Freiheit zum Morden einzusetzen. Unser menschliches Veto gegen das Böse lässt, wie Edward Schillebeeckx vielfach fundiert dargelegt hat, "aus der Erfahrung der Widrigkeit die Bereitschaft zu ihrer Überwindung wachsen...wenn man an einen 'Gott der Menschen' glaubt, der, in Jesus bezeugt als der Christus, 'Menschen Gottes' ins Leben rufen will, muss man, trotz allem, auch an den Menschen glauben und an das, was er tun will." Dies aber ist uns möglich, weil nach der Verkündigung des Todes Jesu, das Bekenntnis folgt: "... und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit." Die Auferstehungswirklichkeit, uns auf Hoffnung gegeben, verändert unsere Wirklichkeitserfahrung. Als der Auferstandene vor Maria Magdalena tritt, wendet sie sich um, wie Drewermann in seinem so tiefen Buch "Ich steige hinab in die Barke der Sonne" sagt, wendet sie sich von der Vergangenheit weg in die Zukunft... und jetzt, in innerer Vorwärtsgewandtheit, erkennt sie ihren Herrn als wirklich Lebenden. In dieser neuen 'Wendung' liegt der eigentliche Kern des Glaubens an die Auferstehung Jesu." (S. I69f). Das heißt nicht weniger, als dass uns selbst "die Person Jesu als objektiv lebend" wirklich sein und uns zur Wendung, zum Einlassen auf seinen Anspruch veranlassen muss.
Das allerdings kann keine Schule lehren, sie kann nur Voraussetzungen eröffnen, Möglichkeiten erahnen lassen; das steht und fällt mit den Menschen, die in ihr unterrichten und leben. Haben sie die verändernde Kraft des Glaubens erfahren? Sie ist als Einstellungsbedingung kaum messbar, und Glaubenserfahrung verläuft in einem Lebensprozess nicht immer gradlinig. Sie stößt heute nicht selten auf ein Verständnis, dem die Aussage eines Lehrsatzes, die Bejahung eines juridischen Sachverhalts offenbar wichtiger ist als das gelebte Glaubenszeugnis. Sehr nüchtern kann sie sogar am kirchlichen Arbeitsrecht zerschellen. Hier wäre die Zusammenarbeit getaufter und ungetaufter Lehrer ein Zukunftssignal, auch Hilfe. Die Annahme, dass eine bessere, wenn auch keine total gute Welt möglich ist, bleibt Kern christlicher Hoffnung und ist damit auch bestimmend für die Zukunftsaspekte einer Schule, deren Mitglieder und Freunde sich auf diese Hoffnung einzulassen wagen.